Sprache der Kritik – Kritik der Sprache? (II)

Was tritt hinzu? Wieso kritische Theorie (auch) über Sprache nachdenkt.

Vortrag und Diskussion mit Jan Müller am Freitag, den 22. Juli 2016, Allende-Platz 1, 20146 Hamburg, Raum 104, ab 19:00 Uhr.

Adornos Behauptung ist provozierend, dass „Philosophie, die nicht Sprachphilosophie ist, heute eigentlich gar nicht vorgestellt werden kann“. Sie klingt so, als müsse man erst einigermaßen akademisch und abstrakt, nämlich grundsätzlich und formal über Sprache nachdenken, bevor man sich überhaupt an eine kritische Theorie der Gesellschaft wagen dürfe.

Adornos Kritik am begrifflichen Denken, diese berüchtigte „Dialektik“ der Vernunft, legt so einen Verdacht nahe. Manchmal wird der Verdacht ausgeräumt, indem man seine Kritik so versteht: Begriffe legten sich wie ein Korsett über die Sachen, die sie zu begreifen behaupteten; tatsächlich schnitten sie durch ihren Fokus aber immer etwas von der Sache ab. „Kritik“, so meint man dann, bestünde darin, diesem „abgeschnittenen Rest“ wieder zu seinem Recht zu verhelfen – indem man darauf achtete, was als Erfahrung des Leidens zum Denken „hinzutritt“ oder was als „Nichtidentisches“ zum Beispiel in der Erfahrung von Kunst erscheine.

Der Vortrag will plausibel machen, dass die provozierende Zumutung, vor die uns Adorno stellt, ernster genommen werden sollte: Man kommt aus jenem „bürgerlichen Denken“ nicht so einfach heraus; es ist unser Denken. Das macht es zwar komplizierter zu sagen, wie man noch einen Fuß in die Tür der Kritik bekommen soll; man kann dann aber vielleicht auch verstehen, dass kritische Theorie der Gesellschaft nicht ein anderes Unternehmen ist als das Nachdenken über Sprache, sondern dies ein (sehr wichtiger) Anfangspunkt ist, um zu verstehen, wie besseres Leben überhaupt vorstellbar ist.

Jan Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Basel, hat in den letzten Jahren unterschiedliche Aufsätze („Begriffliches Sprechen. Zur sprachphilosophischen Grundkonstellation der frühen Kritischen Theorie“ oder „Drei Arten der ‚Grenze des Propositionalen’“) veröffentlicht, die eine sprachphilosophische Rekonstruktion kritischer Theorie leisten.


Workshop zu Adornos und Benjamins Überlegungen zur Sprache


Am 23. bis 24. Juli 2016 an der Universität Hamburg, jeweils Allende-Platz 1, 10 Uhr.

Das Nachdenken über Sprache bleibt in der Tradition kritischer Theorie umstritten. Für manche dieser Theoretiker markiert dies einen Bruch in der Tradition: Entweder eine solche Theorie sei sprachphilosophisch reflektiert oder sie könne nicht ihren normativen Maßstab ausweisen, werde so problematisch. Teile der Tradition kritischer Theorie wurden und werden so als traditionelle Theorie „entlarvt“. Ebenso findet man aber auch die entgegensetzte Position in diesem zerstrittenen Traditionszusammenhang: Wer sich so stark mit Sprache beschäftige, der entferne sich von den „eigentlichen“ Aufgaben kritischer Theorie, habe sich schon zu stark auf „gegnerische“ Theorien eingelassen, behaupte allen Ernstes, die Welt sei nichts als ein Text und so weiter.

Gegenstand des Workshops wird daher eine Rekonstruktion kritischer Theorie sein, die solche Positionierungen nicht teilt, sich vielmehr durch diese Extreme bewegt. Es soll in dem Workshop um Jan Müllers „Begriffliches Sprechen“ gehen, der eine Relektüre der sprachphilosophischen Überlegungen Benjamins und Adornos anbietet.


Bereits im November 2015 hatten wir einen Workshop unter diesem Titel veranstaltet, der sich glücklicherweise einer regen Teilnahme erfreute. Der vergangene Workshop hatte sich darauf konzentriert, den Text erst einmal zu rekonstruieren, was zwei Tage in Anspruch nahm, da erst einmal gewisse sprachphilosophische Grundlagen geklärt werden mussten (wobei wir nicht behaupten, dass diese Grundlagen nun gemeinsam Geteilte wären oder dass es nicht immer Not täte, noch einmal über eine Einführung in die Sprachphilosophie zu sprechen).

Vom 23. bis zum 24. Juli wird dieser Workshop nun fortgesetzt werden, um die Diskussion der Vielzahl von Fragen, welche im ersten Workshop aufkamen, fortführen zu können. Allerdings bedeutet dies eben auch, dass man freilich ohne Teilnahme am ersten Workshop partizipieren kann. Wir werden uns auf das 3. und 4. Kapitel des diskutierten Textes stützen, d.h.: Die ersten Kapitel müssten schon gelesen sein, gerne auch mit Fragen dazu im Gepäck.

Der Workshop wird mit einem Vortrag Jan Müllers am Freitagabend, den 22. Juli, eröffnet. Wir werden die ersten Stunden am Samstag nutzen, um eine gemeinsame Lektüre des doch sehr dichten Textes zu gewährleisten – diesmal auch begleitet durch den Autor selbst. Die Konzentration wird dabei auf dem 3. und 4. Kapitel des Textes liegen, der sich spezifisch mit Benjamins komplexer Sprachtheorie und der Adorno’schen Aneignung dieser beschäftigt. Sie sollen uns Anfang sein, um über die dort verhandelten Gegenstände zu diskutieren. Wir werden uns wieder in Kleingruppen aufteilen, möglichst angenehme Diskussionsatmosphären schaffen und in mehreren Plena die Ergebnisse debattieren, gerne auch kontrovers, aber bitte nicht mit allzu geschlossenem Visier. Wir laden daher alle herzlich ein, mit uns zu streiten!

Die Kleingruppen sollen eine Größe von sechs Personen nicht überschreiten. Falls Übernachtungsmöglichkeiten benötigt werden, bemühen wir uns, kostenlose oder preiswerte Unterkünfte anzubieten. Falls Sie oder Ihr solche benötigt, wird dies via gesellschaftnachtraeglichkeit@gmail.comgewährleistet. Die Teilnahme ist kostenlos. Bitte schreiben Sie oder bitte schreibt uns bei Fragen zum Workshop ebenfalls an diese Adresse.


Sprache der Kritik – Kritik der Sprache? Zur Sprachphilosophie der kritischen Theorie


Workshop am 7. und 8. November an der Universität Hamburg

»Philosophie, die nicht Sprachphilosophie ist, kann heute eigentlich überhaupt gar nicht vorgestellt werden.« (Theodor W. Adorno)

In kritischer Theorie ist der Begriff der Sprache umstritten. Das, was unter dem »linguistic turn« kritischer Theorie nach Habermas verstanden wird, gilt als eine Aufgabe kritischer Theorie: Während die einen es als Herausforderung begreifen, sich um die Sprachlichkeit kritischer Theorie zu bemühen und eine Arbeit am Begriff der Sprache zu vollziehen, sprechen andere davon, dass mit dieser Hinwendung zu »sprachlichen« Problemlagen die Form kritischer Theorie aufgegeben werde.

Es scheint, als ob das Sprechen über Sprache einem schöngeistigen Eskapismus gleichkäme: Statt über die »eigentlichen« Gegenstände Urteile zu fällen, um die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse zu erstreiten, beschäftige man sich bloß mit dem Sprechen selbst. Allerdings kehrt in vielen Auseinandersetzungen mit diesen vermeintlich »eigentlichen« Gegenständen das Problem der Sprache wieder, auch oder gerade in den unterschiedlichsten Aneignungen kritischer Theorie:

Sitzt man der Illusion einer gerechten Sprache auf, wenn Unterstriche oder generell eine gendersensible Sprache gefordert werden? Welche Wirkung hat Hate speech, ist sie bloß die Wiederholung bestehender Verhältnisse? Bedarf es der »Gewalt« der Sprache, um gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern? Gibt es Widersprüche, die vor oder jenseits der Sprache bestehen? Wer von sich behauptet, kritische Theorie zu betreiben, dürfte in Bezug auf die Sprache oder das Sprechen mit einigen Problemen konfrontiert sein.

Daher wollen wir uns im November mit Euch einigen grundlegenden Fragen der Sprachphilosophie kritischer Theorie und Praxis widmen. In einem zweitägigen Workshop soll anhand des einführenden Textes von Jan Müller „Begriffliches Sprechen. Zur sprachphilosophischen Grundkonstellation der frühen Kritischen Theorie”[1] nachvollzogen werden, inwiefern Adornos oder Benjamins Überlegungen einen angemesseneren Begriff der Sprache entwickeln als bestimmte aktuellere Formen kritischer Theorie – und deren Probleme mit diesem Gegenstand aufheben. Jan Müllers Text bietet nicht nur eine luzide Interpretation dieser Sprachphilosophie, sondern argumentiert verständlich, warum Sprache ein notwendiger Gegenstand kritischer Theorie und Praxis sein muss. Er erläutert, warum Sprache logisch-begrifflich »unhintergehbar« ist, weswegen wir also Denken überhaupt nicht ohne Sprechen begreifen können. Darüberhinaus wird deutlich gemacht, weswegen Adorno und Benjamin in einer bestimmten Form philosophieren und schreiben – und warum diese Form mitsamt der Schwierigkeiten, die sie einer Lektüre bereiten kann, als wesentlicher Ausdruck einer emanzipatorischen Praxis der Theorie zu verstehen ist.

Vorgehen und Ablauf

Gegenstand des Workshops ist ausschließlich der Aufsatz von Jan Müller. Das mag ungewöhnlich erscheinen, doch ermöglicht die geringe (aber dichte) Textmenge eine intensive gemeinsame Lektüre. Durch ein möglichst genaues Verständnis dieses Textes wollen wir uns den aufkommenden Fragen widmen – jede dumme Frage ist erwünscht. Es soll weder um alle denkbaren Probleme kritischer Theorie gehen noch um andere Sprachphilosophien. Wir wollen so nicht nur gewährleisten, dass möglichst viele mitsprechen können, sondern dass wir auch zu – wie auch immer vorläufigen – Resultaten kommen. Workshops zur kritischen Theorie zeichnen sich ja nicht selten dadurch aus, dass es viele spannende Interpretationen Adornos oder Benjamins gibt – genau das erschwert aber auch ein gemeinsames Sprechen und eine gelingende Verständigung. Indem wir uns auf eine Textgrundlage fokussieren, wollen wir diese Schwierigkeiten minimieren. Einzige Teilnahmevoraussetzung ist daher, den Text gründlich gelesen zu haben – gerne mit vielen Fragezeichen am Rand. Der Text wird bei der Anmeldung zum Workshop zur Verfügung gestellt.


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[1] In folgendem Sammelband ist dieser Text enthalten: »…wenn die Stunde.« Zur Traditionalität und Aktualität kritischer Theorie, Münster 2012, S. 172-202.

In kleinen Gruppen möchten wir am Samstag, den 7. November, gemeinsam zunächst ein allgemeines Textverständnis des Aufsatzes von Jan Müller erarbeiten. Grundsätzliche Fragen zum Argumentationsgang oder zu einzelnen Formulierungen können dabei diskutiert werden. Das bietet Gelegenheit, allgemeine Verständnisprobleme zu klären und verschiedene Auffassungen zu diskutieren. Die dabei aufkommenden Fragen und Thesen sollen festgehalten und am Ende in einem gemeinsamen Plenum allen Teilnehmer_innen zugänglich gemacht werden.

Am Sonntag, den 8. November, wollen wir dann wiederum in Kleingruppen jeweils einer spezifischen Frage der Sprachphilosophie der kritischen Theorie nachgehen. Dafür haben wir mögliche Fragestellungen vorbereitet (siehe unten). Weitere Vorschläge können eingebracht werden.

Bei Interesse und Bedarf an vertiefenden Diskussionen besteht die Möglichkeit, einen Anschlussworkshop zu planen.

Der Workshop findet in Räumen der Uni Hamburg statt. Treffpunkt ist das Foyer des Gebäudes mit der Anschrift: Von-Melle-Park 5, 10 Uhr. Er ist auf 30 Personen begrenzt, um eine gute Diskussion im Plenum und vor allem in den Kleingruppen zu gewährleisten, die nicht mehr als sechs Personen umfassen sollten. Wir werden keine*n bevorzugen, sondern einfach danach gehen, wer sich zuerst anmeldet. Falls Übernachtungsmöglichkeiten benötigt werden, bemühen wir uns, kostenlose oder preiswerte Unterkünfte anzubieten.

Die Anmeldung erfolgt per Email an: gesellschaftnachtraeglichkeit@gmail.com. Die Teilnahme ist kostenlos. Bitte schreibt bei Fragen zum Workshop ebenfalls an diese Adresse. Der Anmeldezeitraum endet am 31. Oktober.

Anregung oder Ausblick: mögliche Fragestellungen für Sonntag, den 8. November

Folgende Fragestellungen könnten am letzten Tag näher diskutiert werden: 

1. Wie ist die Rede zu verstehen, dass die Sprache das Medium gesellschaftlicher Praxis ist? Warum ist die Sprache unhintergehbar, während wir doch alltäglich meist von einer klaren Geschiedenheit von Gesprochenem und Welt ausgehen? Es kann dabei nicht darum gehen, einen sprachlichen Idealismus wieder einzuführen, der eine Veränderung der Sprache mit einer Veränderung der Welt gleichsetzt.

2. In dem zu behandelnden Text wird gerade das Politische der Philosophie Adornos herausgearbeitet, indem die Form des Schreibens selbst als ein Politisches ausgelegt wird. Adornos Schreiben ist daher nicht einfach ein Plädoyer für die Theorie gegen die Praxis, sondern vollzieht eine andere Praxis der Theorie.

3. Im Text ist davon die Rede, dass das Missverstehen die notwendige Möglichkeit des Verstehens sei. Das klingt erst einmal widersprüchlich: Warum muss ich jemanden missverstehen können, damit ich ihn verstehe? Dies heißt gerade nicht, dass wir so dem Relativismus das Wort reden, dass doch eigentlich Missverstehen und Verstehen das Gleiche seien, sondern es geht ganz grundsätzlich darum, dass Missverstehen und Verstehen nur im gemeinsamen Vollzug zu unterscheiden sind. Wie ist es also zu denken, dass unsere konkrete Praxis auf ihr Scheitern nicht verzichten kann?

4. Müller entwickelt eine treffliche Kritik an der Auslegung der frühen kritischen Theorie durch Habermas oder Wellmer, so dass Adornos und Benjamins Versuche als die angemesseneren erscheinen – wie wird dies aber konkret vollzogen, wo wird im Text implizit eine Kritik am „linguistic turn“ betrieben?