Das papierene Erbe von 1968

Samstag, den 6. April 2019, 19 Uhr im mpz (Sternstraße 4): Vorträge und Diskussion mit Morten Paul (August-Verlag Berlin) und Katharina Kreuzpaintner (Humboldt-Universität Berlin)

Vielfach wird 1968 auch als Taschenbuch-Revolution beschrieben. Es wird so als ein Ereignis gefasst, das auch ein Resultat veränderter Leseweisen, ein Ergebnis der Lust an der schwierigen Lektüre von  Theorie war. Die Suhrkamp-Kultur ist zu einem Ausdruck für die »Verwestlichung« der Bundesrepublik geworden, ihre Reihen haben die Diskussionen um dieses Erbes massiv geprägt, wurden selbst zu dem Symbol für eine Intensivierung des Streits um Theorie.

1968 steht aber auch für ein Ereignis ein, was in seiner Folge zur Umwandlung der Schreib- und Verlagskulturen führte. Die Politisierung um 1968 warf nämlich die Frage auf, ob Bücher auch anders produziert werden sollten, bessere Verhältnisse im Hier und Jetzt schon vorwegzunehmen seien. Lektor*innen und Drucker*innen trugen diese Frage als Problem der Demokratisierung auch in die etablierten Verlage. Als diese Problematisierungen weithin scheiterten, gründeten sich zahlreiche Kleinstverlage und Kollektive, aber auch größere Zusammenschlüsse wie linke Buchhandlungen oder Gegenmessen, um den Versuch dennoch zu unternehmen. Auch wenn die meisten von ihnen gescheitert sind oder irgendwann ihre Kompromisse mit der bürgerlichen Buchkultur eingegangen sind, haben diese Versuche Effekte gezeigt, die bis heute nachwirken.

Die dem universitären Alltagsgeschehen um 1968 noch alternativ gegenüberstehende Publikationskultur gelangte in den 1970er Jahren, als ehemalige Studierende akademische Posten übernahmen, schließlich selbst ins Zentrum wissenschaftlicher Tätigkeit. Zwar mussten dabei Ideale intellektuellen Zusammenarbeitens, aber auch linke inhaltliche Schwerpunktsetzungen mit den Anforderungen einer wissenschaftlichen Karriere vermittelt werden, dennoch bot die Universität auch ein Refugium für diese.
Auf die Geschichte solcher Versuche, ihres Scheiterns, ihrer Erfolge und ihres Nachlebens wird die Veranstaltung Schlaglichter werfen – und damit auch die These von 1968 als einer Leserevolution einer erneuten, genaueren Betrachtung unterziehen.