Kurze Abhandlung über kritische Paläontologie oder über die Erforschung der Nachträglichkeit

Warum ausgerechnet wird ein Deinonychus antirrophus zum Wappentier dieser Gesellschaft gewählt, während es doch wesentlich angemessenere, geschichtlich überlieferte Wappentiere der Aufklärung oder der Gesellschaftskritik schon gibt? Denken wir an die »Eule der Minerva«, die Hegel gebraucht, um sein rekonstruktives Philosophieren zu bebildern, an den Maulwurf oder den Hahn, beides Tiere, die Marx verwendet, um die praktischen Schwierigkeiten des Vollzugs einer Gesellschaftskritik zu illustrieren. Warum gehen wir von uns gegenwärtig erfreuenden Tieren zu einem Exemplar über, welches seit der mittleren Kreidezeit ausgestorben ist, 110,2 Millionen Jahre vor unserer Zeitrechnung existierte? In Worten: einhundertzehn Millionenjahre vor dieser Geburt Jesu Christi.

Wir haben uns für diesen Dinosaurier entschieden, weil das Vorurteil zirkuliert, dass Dinosaurier schon ausgestorben seien, sie seit Millionen Jahren unsere Erde nicht mehr »bevölkern«. Das Gleiche gilt auch für Gesellschaftskritik im Allgemeinen, der vorgeworfen wird, dass sie spätestens mit dem Untergang des real existierenden Sozialismus (welch ein Monstrum!) die Einsicht hätte erringen können, dass von »radikaler« Kritik, »Revolution«, einer »postkapitalistischen« Produktionsweise nicht mehr so einfach zu reden oder zu schreiben sei: Der Meteor sei eingeschlagen, diese urtümlichen Riesenechsen seien Geschichte. Die Drohung durch die Sowjetunion, den orthodoxen Marxismus ist gescheitert. Solche kaltblütigen Reptilien haben vielleicht überlebt, aber sie sind uns nicht mehr so gegenwärtig: Sie wirken angezählt, so als ob sie ihre besten Tage schon hinter sich hätten. Lebende Fossilien.

Sie sind wirklich Geschichte, weil uns die Erzählungen über die guten Jahre der Gesellschaftskritik immer noch aufregen, uns beschäftigen, uns heimsuchen. In unserer Gegenwart sucht sie uns heim, denn diese Vergangenheit ist noch nicht abgeschlossen, sondern für uns geschichtliche Wirklichkeit: Wie ein Deinonychus, der uns immer noch verfolgte, obwohl er seit Millionen Jahren tot ist. Unter meterdicken Schichten von Sedimenten begraben, was nur in unserer exakten Phantasie lebendig wird, in diesen Bildern, Träumen, den Erzählungen und Filmen, in diesem »kollektiven Unbewussten«, den Institutsfluren und in der Provinz der Szenen und Blasen. Der Deinonychus ist für uns wirklich – in Modellierungen, Theorien, Deutungen von Fossilien, in Erzählungen über dieses wundervolle Raubtier. Wir sprechen von dieser Wirklichkeit in der vollständigen Abwesenheit des Deinonychus, seines Ausgestorbenseins.

Wenn wir uns mit seinen Überresten, seinem Erbe beschäftigen, dann machen wir uns dieses Tier wieder gegenwärtig, in einer abwesenden Anwesenheit, einer anwesenden Abwesenheit. Es wird nie wieder lebendig sein und dennoch wird es zu uns gekommen sein – wie ein Gespenst. Wenn wir all unseren Pessimismus organisiert haben, dann sprechen wir von der Gesellschaftskritik wie von einem wirklichen Dinosaurier.

Die Gesellschaftskritik ist keineswegs ausgestorben, sie lebt als Untotes, Unabgegoltenes mitten unter uns, auch wenn wir sie nur selten wahrnehmen, sie nicht immer klar und wirksam artikulieren können.

Die mannigfaltigen Stimmen der Gesellschaftskritik suchen uns nicht nur in Krisen heim, sondern auch in der Alltäglichkeit dieser traurigen Welt. Es steht schlecht um sie und die Krise haben nicht aufgehört, uns immer wieder katastrophal scheitern zu lassen – ob nun je und je wieder individuell oder als Gattung.

Ist es dann nicht beruhigend, dass die Dinosaurier nie ausgestorben sind? Dass die Rede hoffnungslos veraltet ist, dass wir, unsere Urahnen bereits die Herrschaft der Riesenechsen überlebt hätten und erfreuten uns nun unserer Warmblütigkeit und unserer Diskursivität? Keine*r kann eine Triumphgeschichte der Menschheit erzählen, die – frei von Zweifeln – einen Fortschritt seit dem Mesozoikum behaupten könnte.

Nach den Dinosauriern kam nicht die beste aller Welten, sondern die Schlachtbank der menschlichen Geschichte, mit einigen Blütephasen des Geistes. Das müssen wir konstatieren, wenn wir von einem Ende der Herrschaft der Dinosaurier sprechen. Die Herrschaft des menschlichen Gattungswesens ist allzu trist, als dass uns nicht die Sichelklaue eines Deinonychus erfreuen könnte, die nicht etwa für ein bäuerliches Symbol steht, sondern für ein Instrument, das blutige, fransige Wunden reißt, niemals auf die schwächste Stelle zielt, sondern selbst in die kräftigsten Muskeln hineingetrieben werden kann. Etwas, was unsere Reaktionen verlangsamt, uns immer schwächer werden lässt oder eben immer genauer wirkt, wenn wir mit ihr ins Fleisch schneiden. 

Wenn wir an unseren Deinonychus antirrophus denken, dann erinnern wir uns vielleicht an seine Erstbeschreibung durch John Ostrom, der im Jahr 1969 anhand dieses Skelettes, in seiner Deutung dieser Relikte auf die Idee kam, – dass die Dinosaurier nicht ausgestorben seien, sondern in den Vögeln fortlebten. Diese Idee war höchst umstritten. Viele brachen auf, um zu zeigen, dass sich die Vögel bereits vor den Dinosauriern entwickelt hätten, argumentierten dies mit der Entwicklung unterschiedlicher Finger, die bei den Theropoden und den Vögeln anders verlaufen sei. Außerdem sei es doch offensichtlich, dass ein solcher evolutionärer Fortschritt wie die Feder viel früher anzusetzen sei, so dass höher entwickelte Archosaurier als Urahnen der Vögel in Frage kämen, aber keine reptiloiden Tiere wie Tyrannosaurier oder ein Triceratops. Wären Dinosaurier in der Trias schon gefiedert gewesen, wie es die Urahnen der Vögel nach dieser Deutung gewesen seien, dann hätte sich ihre Evolution anders vollzogen.

Aber ist das so?

Wir wissen mittlerweile, dass es wahr ist, dass die Vögel Dinosaurier sind und vielleicht gewesen sein werden. Sehr viele unterschiedliche Familien der Dinosaurier trugen Federn, ihr Bild hat sich seit 1969 radikal verändert. Wir wissen, dass sie warmblütig waren, ein ausgeprägtes Sozialverhalten zeigten und eben keine isolierten, kriegslustigen Riesenechsen waren, die träge in ihren Sümpfen zwischen Vulkanausbrüchen herumlungerten. Dieses Bild hat uns jahrelang verführt, vielleicht beherrschte es noch unsere Kindheit. Aber die Zeiten der großen, epischen Schlachten sind vorbei. Vielleicht.

Während in der Paläontologie die Thesen aus vielen Handgemengen verändert hervorgingen, das Bild von den gefiederten Dinosauriern um sich griff, so dauerte es noch Jahrzehnte, bis sich dies in der Kulturindustrie, dem Feuilleton oder der Öffentlichkeit herumgesprochen hatte. Wir werden noch heute mit Blockbustern gequält, die diese geschuppten Reptilien beschwören, die unsere Genetikexperimente durcheinander bringen oder einen Vergnügungspark bedrohen (und wir wissen, dass Schuppen viel preiswerter zu animieren sind, als ein prächtig bunt gefärbtes Gefieder!). Aber kann es Dinosauriern, also diesen verrückten Vögeln nur um einen Vergnügungspark gehen? Vögeln geht es immer um mehr, um luftige Höhen und die antarktischen Gewässer der Metaphysik. Es geht Vögeln nicht um die gesamte Bäckerei, sondern um all die Krümel, die von den Tischen und Schreibtischen fallen, um diesen Abhub der Alltagswelt, unsere abgelebten Träume, um diese Krisen, Brachflächen und die Müllabfuhr. 

Der Gesellschaft zur Erforschung der Nachträglichkeit geht es um diese Krisen, um diese merkwürdigen Vögel. Schließlich gilt der Streit um Emanzipation, Aufklärung oder Kritik als Sache verrückter Vögel, lebender Fossilien und anderer Sektierer*innen. 

Diese Gesellschaft tritt also dafür ein, dass sich mit der Vergangenheit, der Gewordenheit unserer Gegenwart auseinandergesetzt wird, – mit dem gelebten oder verlebten Leben. Eine Erforschung der Nachträglichkeit wird sich »weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht […] dumm machen […] lassen« (Theodor W. Adorno), sondern mit der Pluralität der Funde, der Schriftstücke und der Mittel umgehen müssen, um sich eine Praxis zu erschließen in all diesem Geröll, Dreck und Staub. Es geht darum, angemessen zu streiten, eine »Kritik im Handgemenge« zu entfalten, die nicht jetzt schon weiß, was aus ihr geworden sein wird. Eine solche Gesellschaft versteht sich nicht als politische Partei, sondern als Salon der Kritiken. Niemals konsequent, je und je wieder radikal.

Auf der obigen Abbildung ist im Übrigen kein Deinonychus antirrophus, sondern ein Archaeopteryx lithographica zu sehen, der gewiss tauglicher gewesen wäre, um unsere Darstellung zu begleiten, aber hier nur als Illustration zu sehen ist. Die kritische Paläontologie steht an ihrem Anfang, nicht an ihrem Ende.